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Geschichte

     
 
Juni 1972
Postulat eines Einwohnerrates zu Handen des Einwohnerrates mit der Aufforderung, Abklärungen für ein allfälliges Jugendhaus in Reinach zu veranlassen. – Gründung der gemeinderätlichen Kommission für Jugendfragen in Reinach.

 

1973 - 1978
Arbeit der erwähnten Kommission. Die Verwirklichung der ausgearbeiteten Baupläne und Konzeptvorschläge scheitert am Widerstand verschiedener Kreise. In der Folge gründen einige Kommissionsmitglieder den Verein „Freizeit und Jugend“, der sich weiterhin um Bedürfnisse und mögliche Angebote im Bereich der Freizeitgestaltung Jugendlicher kümmern soll.

 

Feb 1980
Bewegung: 130 Jugendliche versammeln sich  - die Jugendhausidee taucht wieder auf. Die Jugendliche gründen den Verein „mir wänn e Jugendhuus“ und treffen sich wöchentlich zu Vollversammlungen.
 
März 1980
In einer Unterschriftenaktion sprechen sich innerhalb zweier Wochen 3800 ReinacherInnen für ein Jugendhaus aus. Die Unterschriften werden dem Einwohnerrat überbracht. In der Folge unterstreichen die Jugendlichen ihre Forderung immer wieder mit Festen, Podiumsdiskussionen und verschiedenen Aktionen, darunter die spektakuläre Trämlibesetzung.

 

Sept 1980
Gründung des Fördervereins, der sich zum Ziel setzt, die Jugendlichen in ihren Bemühungen zu unterstützen.

 

Jan 1981
Konstituierung der gemeinderätlichen Kommission „Freizeitangebot für Jugendliche“. Dies auf Grund des Postulates zweier Einwohnerräte, in welchem der Gemeinderat aufgefordert wird, die Forderung des Vereins „mir wänn e Jugendhuus“ zu überprüfen und möglichst schnell Lösungen zu suchen.

 

Feb 1981
Erster Geburtstag des Jugendvereins; grosses Fest mit 800 BesucherInnen. Weitere Aktionen wie: Zeltwochenende, Lagerfeuer im Dorf, Bewegungszeitung...

 

Aug 1981
Der Verein „mir wänn e Jugendhuus“ stellt zwei angehende Sozialpädagogen an, um sie in ihren Forderungen zu unterstützen.

 

Sept 1981
Nach Ablehnung verschiedener Varianten durch den Gemeinderat und seinem Standortvorschlag „Sternenhof“, fordern die Jugendlichen ein Provisorium mit anschliessender Besetzung eines alten, leerstehenden Fabrikgebäudes. Der Gemeinderat erstattet Anzeige wegen Einbruch und Sachbeschädigung.

 

Nov 1981
Der Einwohnerrat fällt einen Grundsatzentscheid für ein Jugendhaus, indem er die Sternenhofparzelle umzont.

 

Jan 1982
Auftrag der Kommission an den Jugendverein: Erarbeiten von Bauplänen und Konzept in Zusammenarbeit mit Förderverein, Sozialpädagogen und dem seit Herbst mitarbeitenden Architekturlehrer.
Es folgen ein Jahr vieler Stunden gemeinsamer Diskussionen, Planung, Streitereinen, politische Kämpfe und Vorstösse, bis die endgültige Vorlage endlich im steht.

 

Aug 1982
Openairfestival auf dem zukünftigen Jugendhausgelände.

 

 
Annahme der Vorlage durch Einwohnerrat und Volksabstimmung – Spatenstich und Baubeginn. Provisorischer AJZ Betrieb in der Baubaracke.

 

Feb 1984
Anstellung zweier SozialarbeiterInnen in Teilpensen. Weiteraufbau unter Mithilfe Jugendlicher. Provisorischer Betrieb in der Baubaracke und im Rohbau trotz grossem politischem Widerstand.

 

Juli 1984
Anstellung eines weiteren Sozialarbeiters.

 

Dez 1984
Eröffnung Palais noir

 

 

Somit dauerte die eigentliche Entstehungsgeschichte des Palais noir knappe fünf Jahre: Für politische Prozesse eine sehr kurze – für die beteiligten Jugendliche eine ungemein lange Zeitspanne. So bevölkerten anfangs des ersten Normalbetriebes praktisch keine Gründungsmitglieder des Jugendvereins mehr das Jugendhaus, welches sie sich so engagiert erkämpft hatten. Trotzdem: Der persönliche Profit durch das Erleben der praktischen Solidarität war für alle Beteiligten in dieser Jugendbewegung enorm.

Die Entstehungsgeschichte des Palais noir war aber trotzdem im Haus präsent, und die erste BenutzerInnengeneration war durch Jugendbewegung, Autonomiediskussion und politische Auseinandersetzung sehr geprägt. Widerstand aber vor allem sehr viel Kreativität und Aktivität war angesagt. Dies äusserte sich vor allem durch eine sehr aktive Konzertgruppe, welche das Palais noir als Konzertort national bekannt machte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

       dreitägiges  Eröffnungsfest

Konzert mit 600 BesucherInen

 

 

Nur einige Konzertrosinen:

  • Stephan Eicher

  • Jango Edwards

  • Züri West

  • Stevens nude Club

  • Arhoolies

  • Limit

  • Oscar Klein

  • Slickaphonics

  • Jellyfish kiss

  • Thomas Moeckel

  • Die Aerzte

  • Frostschutz

  • Chain of command

  • Rondeau

Wöchentliche Vollversammlungen, autonome Zeiten, Selbstbedienung im Restaurationsbetrieb und die freie Zugänglichkeit zu sämtlichen Räumen zeigte klar die Anlehnung an und die Beeinflussung durch die gemachten AJZ-Erfahrungen. Diese Betriebsform provozierte mitunter auch  zu ebenso provokativen Reaktionen des Gemeinderates, was in den ersten Betriebsjahren immer wieder zu heftigen und unschönen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen führte.

Die folgende Punkbewegung mit ihren auffällig aussehenden BesucherInnen verleitete viele Aussenstehende zu massiven Fehleinschätzungen gegenüber dem Palais noir. Das Palais noir war kurze Zeit die Hochburg der Punkkonzerte in der Region, da Auftrittsmöglichkeiten für Bands trotz Hirscheneck und Kaserne sehr spärlich waren. Eine, nach unserer Erfahrung völlig grundlose Angst vor Alkohol und Gewalt hielt viele Veranstalter von der Durchführung solcher Konzerte ab. Das Palais noir erlebte viele tolle Konzerte, organisiert und durchgeführt von einer aktiven und kompetenten Konzertgruppe, welche als StammbesucherInnen auch im täglichen Betrieb eine tragende Funktion übernahmen.

Der Musikstil wie auch die Besucherschaft wechselte langsam ende 80er. Heavy war vermehrt Backgroundmusik und auch einige Monsterkonzerte mit bis zu fünf Bands gingen über die Bühne. Das Autonomiebedürfnis verblasste etwas; autonome Zeiten wie auch Vollversammlungen blieben aber immer noch institutionalisiert.

Anfangs 90er fand ein konfliktreicher Wechsel bei der Besucherschaft statt. Die "Alten" hatten sich gemütlich in "ihrem" Palais eingerichtet, und fühlten sich primär zu Hause. Eine grössere Gruppe von vorwiegend italienischen, spanischen und griechischen Jugendlichen entdeckten das Palais als Freizeitraum, da "ihr" Freizeittreff, ein Spielsalon, die Alterslimite hinaufsetzte. Sie stürmten das Palais noir lautstark und füllten es mit neuer Musik und Aktivitäten. 

 

Sozi bei einer klassischen Krisenintervention während den intensiven Auseinandersetzung zwischen zwei Besuchergruppen

Auseinandersetzungen, VV's, Ablösung von älteren BesucherInnen führten zu einem friedlichen Nebeneinander, teilweise auch Miteinander. Breaker, Dancer, Hip Hop und Rap waren neue Stichworte für gelebte Jugendkultur.

Die autonomen Öffnungszeiten wurden vorübergehend sistiert, die Vollversammlungen fanden nur noch nach Einladung der Sozis statt. Das Palais noir wird intensiv genutzt. Zentral wird die Werkstatt, in welcher geschickt und kompetent Metallschrott zu funktionierenden Töfflis umgebaut wird.

Die nur noch einzeln durchgeführten Konzerte waren erfolgreich, obwohl die Stammbesucherschaft diese Konzerte kaum besuchte. 

Tekkno hielt Einzug und es gab eine Gruppe mit ausdauernden Dancern, welche regelmässig trainierte. Neben der Werkstatt wurde auch das gesamte Spielangebot intensiv genutzt. Die ersten BesucherInnen aus der Türkei, aus Bosnien, Serbien und Kroatien besuchten das Jugendhaus. Später kam eine Gruppe aus dem Kosova  dazu, so dass das Jugendhaus zu einem spannenden und friedlichen multikulturellen Treffpunkt wurde.

Die veränderte Arbeitsmarktsituation machte sich Mitte 90er bemerkbar. Das Thema Arbeit gewann an Bedeutung und  Unterstützung durch die Sozis war gefragt. Ende 1997 integrierten die Sozis ein umfassendes Sachhilfeangebot im Palais noir. Dieses Angebot ist ein wichtiger Bestandteil in der Infrastruktur des Palais, und zugleich ein wichtiges Arbeitsinstrument für die Sozis in der Beziehungsarbeit.

Dancers trainierten weiterhin regelmässig und als Background etablierte sich vorwiegend House. Zwischendurch auch Volksmusik oder Unterhaltungsmusik aus den verschiedenen Ländern.

Im November 1999 wurde der Mädchentag gegründet. 

Seit Anfangs des neuen Jahrtausends existieren wiederum autonome Öffnungszeiten. Als flankierenden Massnahmen wurde ein Vertrag, ein Schlüsseldepot und ein Pikettdienst durch einen Sozi eingeführt. Ebenfalls im Frühjahr 2000 fand die erste Kidsdisco statt. Diese hat sich bis heute als monatliche Veranstaltung für 13 bis 16 Jährige etabliert. Die in der Discogruppe tätigen Jugendliche und ein Teil der zahlreichen BesucherInnen der Disco könnten wohl als neues Stammpublikum im Palais noir etablieren.

Der vorliegende geschichtliche Abriss ist ein Erinnerungsprotokoll  -  willkürlich und unvollständig. Anregungen und Ergänzungen nehmen wir gerne entgegen.

 

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